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Traumata und mangelnde Fairness

Es scheint, dass die Gewalt im Nahen Osten kein Ende nimmt und alle Ansätze einer gewaltfreien Lösung in weite Ferne gerückt sind - so weit, dass selbst Überlegungen in diese Richtung wie aus dem Reich der Träume zu kommen scheinen. Dabei wäre es höchste Zeit, aufzuwachen und eine gewaltfreie Konfliktlösung Realität werden zu lassen.
Um in einer derart angespannten Situation eine Abkehr von der Gewalt zu erreichen, ist auch eine Analyse der Hintergründe aktueller Konflikte erforderlich. Der deutsche Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer versucht in einem seiner Bücher 1 eine psychologische Analyse des Terrors, speziell der Bereitschaft zu Selbstmord-Attentaten. Frühe und tiefe seelische Traumata gehören - folgt man der Argumentation des Autors - zu den Hauptursachen, dass ein Mensch in einer bestimmten politischen und sozialen Situation zur Selbstzerstörung bereit wird - einer Selbstzerstörung, die im Fall der Selbstmord-Attentäter einen vermeintlichen Ausweg, ein letztes Kampfmittel bietet.
Schmidbauer geht davon aus, dass nicht nur junge PalästinenserInnen auf individueller Ebene (durch erlebtes Unrecht und Marginalisierung) solche Traumata erfahren, sondern dass der Islam und die arabische Kultur als Ganzes an einer “narzisstischen Kränkung” leiden. Man könnte dem Psychoanalytiker dabei zustimmen, doch haben im Verlauf ihrer Geschichte viele Zivilisationen das Trauma eines Niedergangs erlebt, und nicht wenige sind daran zerbrochen.
Gerade der Islam hatte vergleichsweise geringe Probleme mit der Aufarbeitung historischer Traumata, obwohl er mehrmals in seiner Existenz bedroht war. Er konnte sich erholen, da er sich flexibel zeigte und zu Innovationen bereit war, sofern sie nicht an die Substanz des Glaubens rührten. Ein solches Beispiel war der Mongolensturm im 12. Jh., durch den das damalige Kalifenreich zerschlagen wurde. Doch die mongolischen Invasoren zeigten sich bald von der besiegten Zivilisation angetan, nahmen später den Islam an und gaben ihm neue Impulse. Neue weltliche und kulturelle Zentren entstanden im islamischen Gebiet und der Handel florierte. Doch geschwächt durch Kreuzzüge, innere Rivalitäten und regionale Machtgelüste erreichte die islamische Kultur nicht mehr ihre frühere Produktivität.
Es folgte das Trauma direkter und indirekter Kolonisierung - ein Trauma, von dem sich die islamische Welt erst im 20. Jahrhundert zu erholen begann. Doch die Spielregeln bestimmten nun andere: neue Grenzen waren gezogen, politische Bevormundung und wirtschaftliche Benachteiligung aber bestanden weiter, während andererseits der technologisch fortgeschrittene Westen eine gewaltige Faszination ausübte. Dessen Vorsprung aufzuholen, ist bisher nicht in erhofftem Maße gelungen. Schmidbauer geht davon aus, dass Muslime ihren Glauben als überlegene Weltanschauung betrachten und es daher für sie sehr kränkend sei, nicht einmal ihre eigenen Gesellschaften so gestalten zu können, dass diese (angenommene) Überlegenheit gegenüber dem materialistischen Westen zum Tragen komme.
Aus muslimischer Sicht ist dem jedoch einiges entgegenzuhalten, bzw. hinzuzufügen. Denn die größte Kränkung, die Muslime heute erleiden, ist nicht ihr wirtschaftlicher Rückstand und ihre politische Marginalisierung, sondern das Gefühl der mangelnden Fairness. Diese Fairness ist ein Grundprinzip, das im frühen Islam sogar in Kriegszeiten unbedingte Geltung hatte. Die mangelnde Fairness, die die islamische Welt in der heutigen Situation verspürt, lässt ihre Anstrengungen zu eigenständigem Wachstum weitgehend erfolglos bleiben: hier ein Boykott und da Sanktionen, sobald jemand nicht in das erwünschte Schema passt, oder einfach wirtschaftlicher Protektionismus.
Aber nicht nur das globale Selbstwertgefühl der Muslime ist belastet, natürlich gehören auch Krisenherde wie der Nahe Osten, Kaschmir, russische Teilrepubliken bzw. die Gebiete der ehemaligen Sowjetunion usw. zu den aktuellen Traumata, die ihr Gerechtigkeitsempfinden verletzen. Sie haben das Gefühl, dass sie für ihre berechtigten Anliegen bei der internationalen Gemeinschaft kein Gehör finden, dass man zu lange wegschaut, wenn Muslimen Unrecht geschieht, dass jahrzehntealte UNO-Resolutionen in Vergessenheit geraten.
Wenn Wolfgang Schmidbauer dazu rät, dem Terrorismus mit Gelassenheit und einer ausdauernden Haltung von Gerechtigkeit zu begegnen, so wäre es ein erster Schritt, sich die Entstehungsgeschichte gegenwärtiger Konflikte unvoreingenommen anzusehen. Im öffentlichen Bewusstsein des Westens sind manche dieser Krisenherde aber kaum präsent - bis irgendwo eine Bombe hochgeht. “Wieso dort?”, fragt dann der/die durchschnittliche MedienkonsumentIn. “Sind die Leute denn nicht happy? Warum wollen Muslime Autonomie …?!” Für Muslime ist es dann unverständlich, wenn auf der einen Seite lokale Autonomie- und Separationsbestrebungen in muslimischen Ländern vom Westen tatkräftig unterstützt werden, während auf der anderen Seite Unabhängigkeits- oder Autonomiebestrebungen von Muslimen unterdrückt werden. Dieses Messen mit zweierlei Maß ist eines der größten Hindernisse für Frieden und Verständigung.

Hintergründe für Selbstmordattentate

Können aber kollektive narzisstische Störungen dazu führen, dass eine Kultur die terroristische Selbstzerstörung nicht mehr mit einem Tabu belegt, wie der Psychologe Schmidbauer meint? Das ist ein Extremfall, der durch die Ausweglosigkeit einer bestimmten Situation erklärt, aber keinesfalls gerechtfertigt werden kann. Oberflächlich erscheint bei näherer Betrachtung, dass wesentlich eine ‘narzisstische Kränkung’ einen Menschen zu einem Selbstmord-Attentat treiben könnte. Dafür müssen auch andere Gründe vorliegen.
Nur selten erscheint die persönliche Geschichte jener, die solche Aktionen durchführten, in irgendwelchen Medien, doch wenn das der Fall ist, dann zeigt sich fast immer, dass wahre familiäre Tragödien dahinter stehen, dass sie oft nächste Verwandte in eben diesem Konflikt verloren hatten. Hinzu kommt, dass diese meist jungen Verzweifelten weder eine Ausbildungschance hatten, da Schulen und Universitäten oft Monate lang geschlossen sind, dass sie keine realen Berufsaussichten haben und ihre Wohngebiete oft zerstört sind. Es wird offensichtlich, dass nicht nur vergangene seelische Traumata, sondern vor allem die fehlende Zukunftsperspektive dafür verantwortlich ist, dass junge Menschen meinen, das Jenseits ihrem hoffnungslosen Diesseits vorziehen zu müssen und zu Selbstmord-AttentäterInnen werden.
Zwar gibt es unter den Muslimen Stimmen, die Selbstmord-Attentate mit dem Konzept des Märtyrertums in Zusammenhang bringen. Es gibt jedoch auch solche, welche die Ablehnung solcher Aktionen theologisch begründen und gewaltfreie Lösungen fordern. Dazu gehört auch die junge libanesische Autorin Amina Manasseh.
In ihrem Artikel “Der Islam und das Konzept des Märtyrertums - eine alternative muslimische Interpretation von Gewalt und Religion” (Dez. 2003) interpretiert sie das Wort “Dschihad” (das allzu oft unter der fälschlichen Übersetzung “heiliger Krieg” firmiert) mit der “Notwendigkeit, sich äußerst zu bemühen, sich auf dem Weg des spirituellen Dschihad einzusetzen, um das Wort und den Willen Gottes zu verstehen und dementsprechend zu leben. Das Unterlassen des Engagements für diesen Dschihad macht unsere Antworten in Zeiten von Krisen eher zum bloßen Widerschein dessen, was uns erzählt wird, und von Traditionen, die wir übernehmen, anstatt dass sie das Ergebnis von vernunftgemäßem, selbstständigem Denken wären, das sich auf die Offenkundigkeit und Klarheit des Korans gründet, der maßgeblichsten und wichtigsten religiösen Quelle der Muslime. - Ja, ich glaube, dass man bei der Annäherung an das Verständnis des geschriebenen Wortes Gottes rational sein kann!”

Vernunft statt emotionalen Antworten

Sie wendet sich dagegen, die Religion politischen Zielen zu opfern, und schreibt: “Ich habe das Gefühl, dass wir Muslime in unserem dringenden Bedürfnis, den palästinensischen Kampf zu verteidigen und um anti-islamischer Propaganda in den westlichen Medien zu begegnen, eher ‘reagieren’ als ‘agieren’, indem wir wiederholen, was manche (unserer politischen Persönlichkeiten) uns vorsetzen, anstatt sorgfältig und direkt zu prüfen, was unser Glaube ist und sein sollte. So nähern wir uns zunehmend dem Spiegelbild dessen an, was wir an unseren Gegnern tadelnswert finden, das heißt, wir wenden selbst das Prinzip ‘Aug’ um Auge’ an, wie es manche vorschlagen, um mit unseren Gegnern umzugehen. Wir plappern ‘offizielle’ Positionen nach, die allzu oft bestrebt sind, Religion zu manipulieren, um die Zustimmung breiter, gläubiger Bevölkerungsteile zu bekommen.”
Dann fährt die Autorin fort: “Ich glaube, dem palästinensischen Widerstand wäre besser gedient mit vorurteilsfreien, erhellenden Positionen (inklusive religiöser), die daran appellieren, womit die meisten Menschen etwas anfangen können: Vernunft. - Gewalt gegen Unbeteiligte ist hingegen eine emotionale und unüberlegte Antwort, die die gegenteilige Wirkung erzielen kann, denn alle Seiten haben ihre ‘emotionalen’ Rechtfertigungen. Sie sind kurzsichtig und dienen hauptsächlich dazu, den ‘Anderen’ - wer immer der Andere an einem bestimmten geschichtlichen Punkt sein mag - zu vernichten.”
“Speziell der palästinensische Kampf wurde von beiden Seiten - den Palästinensern und ihren Widersachern - mit der islamischen Religion verquickt, und als Folge dessen traten sowohl der Islam als Religion wie auch der Kampf der Palästinenser als befleckt, verleumdet und herabgewürdigt in Erscheinung. Ich wage sogar zu behaupten, dass Muslime unwissentlich ihre Gegner mit ‘Munition’ versorgen, die diese in einem Propagandakrieg gegen sie einsetzen können, um sowohl den palästinensischen Kampf als auch den Islam als Religion zu diskreditieren,” meint die Libanesin Manasseh.
Auf eine Analyse der politischen Situation lässt sich die Autorin allerdings nicht ein, wenn sie schreibt: “Ich möchte hier nicht die Legitimität der Methoden diskutieren, die die Palästinenser anwenden, um ihre grundlegenden Menschenrechte zu verteidigen.” Aus ihren Worten spricht eine gewisse Ratlosigkeit, wenn sie feststellt, dass “das Recht, gewaltsame Mittel zur Verteidigung seiner Rechte und seiner Heimat anzuwenden, historisch betrachtet von einem breiten Spektrum ethnischer und religiöser Gruppierungen, aber auch Nationen in Anspruch genommen” worden sei und dass dieses Problem im Sinne des internationalen Rechts behandelt werden müsse. “Mein Interesse geht vielmehr dahin, die undurchsichtigen Spinnennetze, die um einen Zusammenhang zwischen Selbstmord-Attentaten und Islam gewoben wurden, zu entwirren,” erklärt Manasseh. Aber indem sie den Hintergrund diffuser Parolen ausleuchtet, beweist sie Mut; sie plädiert für ein Innehalten und vernünftige Schritte weg von der Gewalt.

Keine Familientickets ins Paradies

Was das MärtyrerInnentum angeht, zeigt sie auf, dass sinnliche paradiesische Genüsse und “Familien-Tickets” ins Paradies, etwa für die ganze Familie eines Märtyrers/einer Märtyrerin, keine Grundlage im Koran hätten: “Solche religiösen Rechtfertigungen sind vom theologischen Blickpunkt zutiefst problematisch.” Doch wie sieht es mit dem aktiven Bezeugen des Glaubens, der Schahada, aus - ein Begriff, der im Koran tatsächlich vorhanden ist? Das Wort bedeutet “Zeugenschaft ablegen”, was gewöhnlich durch Aussprechen des Glaubensbekenntnisses geschieht. Aber auch wenn ein Mensch in Verteidigung des Glaubens stirbt, in Verteidigung seiner selbst oder seiner Gemeinschaft, legt er dafür Zeugnis ab. Für dieses Opfer wird er/sie im Jenseits belohnt.
“Wer sind diese Märtyrer und was müssen sie tun, um eine paradiesische Belohnung zu erhalten?” fragt die Autorin und verweist auf den Koran, Sure 2: Vers 190: “…und kämpft auf dem Wege Gottes gegen diejenigen, die euch bekämpfen, doch übertretet nicht (das Maß; oder: indem ihr zuerst den Kampf beginnt). Wahrlich, Gott liebt nicht die Übertreter.” Noch deutlicher findet sich dieses Prinzip in Koran 22:39-40: “Die Erlaubnis (sich zu verteidigen) ist denen gegeben, die bekämpft werden, weil ihnen Unrecht geschah - und Allah hat fürwahr die Macht, ihnen zu helfen -, jenen, die schuldlos aus ihren Häusern vertrieben wurden, nur weil sie sprachen: “Unser Herr ist Allah.”
Das ist ein Vers, den alle ernstzunehmenden KommentatorInnen als Schlüsselstelle angesehen haben, da dort zum ersten Mal in der koranischen Offenbarung von Kampf die Rede ist. In ihm ist die Grundvoraussetzung für kriegerische Handlungen niedergelegt: nämlich, dass es sich nur um Verteidigung handeln darf. Vor allem aber betont Manasseh, dass die Muslime an anderer Stelle (Koran 5:45) aufgefordert werden, über das Prinzip ‘Aug’ um Auge’ hinauszuwachsen und auf Vergeltung zu verzichten.
Man könnte sich hier auch Mahatma Gandhi in Erinnerung rufen, der sagte, Aug’ um Auge würde schließlich die ganze Welt blind machen.
Aus islamischer Sicht heiligt der Zweck auf keinen Fall die Mittel: “Ihr, die ihr glaubt! Seid standhafte Zeugen vor Allah für die Gerechtigkeit, und lasst euch nicht durch den Hass anderer Leute (oder: auf andere Leute!) dazu verleiten, anders als gerecht zu handeln. Seid gerecht, denn das ist näher der Gottesfurcht. Und fürchtet Gott. Gott weiß wohl, was ihr tut!” (Koran 5:8).

“Und tötet euch nicht selbst”

Schließlich untersucht die Autorin noch die Bedeutung der Wörter “Zeuge” und “Märtyrer”, die im Arabischen aus derselben Wortwurzel stammen. An vielen Stellen des Koran würden jedoch die beiden Wörter alternativ sowohl für den “Glaubenszeugen” verwendet, der unter Umständen zum Märtyrer werden kann, als auch für jemand, der (z.B. nach dem Handelsrecht) als Zeuge auftritt. Es zeige sich, dass die unterschiedlichen Bedeutungszuweisungen später entstanden seien - eine Auffassung, mit der sich die junge Libanesin auf mehrere Interpreten stützen kann.
Als eine Bedingung dafür, dass jemand als Glaubenszeuge stirbt, sieht sie gemäß dem Koran das “(unschuldig) getötet werden” an. Dabei zieht sie eine Parallele und stellt fest: “Natürlich könnte ein Muslim, der für Gott zeugt, sich Verfolgung ausgesetzt sehen, genauso wie die frühen Christen wegen ihres Glaubens verfolgt wurden.” Nach Auffassung der Autorin sind die wahren MärtyrerInnen eben jene, die in einem berechtigten Verteidigungskampf fallen, während man das bei jenen, die bestrebt seien, sich (durch Selbstmord-Attentate) selbst zu MärtyrerInnen zu machen, nicht behaupten könne. Denn im Koran (4:29-30) heißt es ganz klar: “Und tötet euch nicht selbst. Wahrlich, Gott ist barmherzig gegen euch. Und wer dies in Übertretung und in frevelhafter Weise tut, den werden Wir dem (Höllen-)Feuer aussetzen.”

Gegen pauschale Verurteilungen

Außerdem gibt die Autorin zu bedenken, “dass die Leute, gegen welche die frühen Muslime in Selbstverteidigung kämpften, insbesondere die Polytheisten der Arabischen Halbinsel waren. Gegenüber Juden (als Anhänger einer Offenbarungsreligion) hat man sich anders verhalten.” An dieser Stelle macht sich Amina Manasseh über das Verhältnis zu den Juden/Jüdinnen Gedanken. Dabei wird sie bemerkenswert selbstkritisch: “Als sunnitische, libanesische Muslimin wuchs ich damit auf, dass Juden ‘böse’ seien und für ihren mangelhaften Glauben und ihre ständige Gehorsamsverweigerung immer wieder von Gott bestraft und zurückgewiesen wurden.” Sie bedauert diese einseitige Haltung: “Später, als ich den Koran selbst las und an seinem richtigen Verstehen arbeitete, wurde mir klar, dass das meiste, was ich über den Islam dachte, nicht im Koran zu finden war, zumindest nicht in eindeutiger Weise.” Besonders überrascht habe sie Vers 62 in Sure 2: “Wahrlich, diejenigen die glauben, und die Juden und die Christen und die Sabäer, wer an Gott und den Jüngsten Tag glaubt und Gutes tut - diese haben ihren Lohn bei ihrem Herrn. Keine Furcht wird über sie kommen, und sie werden nicht traurig sein.”
Sie gibt aber zu: “Natürlich finden sich im Koran auch viele Verse, in denen die Juden für ihren mangelnden Glauben verurteilt werden. Aber weil ich auch das Alte Testament gelesen habe, fand ich heraus, dass sie dort noch viel stärker getadelt werden, obwohl dies doch ihr Heiliges Buch ist! - Der Koran warnt die Gläubigen ständig, nicht dieselben Fehler zu wiederholen, wie jene, die vor ihnen lebten und erzählt immer wieder, was David, Moses und dann auch Jesus von ihren eigenen Leuten dachten, als diese die von Gott gesetzten Grenzen überschritten.” Sie zeigt auf, dass die Schlüsselworte in diesen Versen “diejenigen von den Kindern Israels” seien und fügt hinzu: “Wenn man alle Koranverse sammeln wollte, die kritisch oder feindselig gegenüber Juden sind, wird man bemerken, dass sich die meisten auf “diejenigen von den Juden” und nicht auf alle Juden beziehen. Mit anderen Worten, der Koran verurteilt nie alle Juden.” - Übrigens ist dies eine Position, die wiederholt auch von jüdischen KonvertitInnen zum Islam aufgegriffen wurde.
Amina Manasseh plädiert für die Unterscheidung zwischen den Angehörigen einer Religion - hier des Judentums- und dem politischen GegnerInnen, und schreibt: “Wenn nicht alle Juden gleich sind, wie können Muslime dann ‘die Juden’ bekämpfen?” Sie verweist auf eine Koranstelle (5:13), in welcher Juden zwar kritisiert werden, wo aber dem Propheten geraten wird: “Also vergib ihnen und sei nachsichtig. Denn wahrlich, Allah liebt die Gütigen.”
MärtyrerInnen könnten Muslime nur dann werden, wenn sie ihres Glaubens wegen unterdrückt werden, schlussfolgert Manasseh und fügt hinzu: “Ich glaube wirklich nicht, dass das (bei den Palästinensern) der Fall ist. Sie werden nicht wegen ihres (muslimischen) Glaubens attackiert, unterdrückt und aus Palästina hinausgeworfen. Christliche Palästinenser werden genauso behandelt wie alle anderen; selbst wenn Palästinenser Buddhisten oder Atheisten wären, würden sie noch immer vertrieben.” Und dann folgt eine Kernaussage des Artikels von Amina Manasseh: “Mit anderen Worten, der Kampf ist kein religiöser, sondern ein rein politisch-nationalistischer.”
Die Tragik des Konflikts im Nahen Osten ist allerdings, dass sich politische Ziele und (quasi-) religiöse Emotionen, Argumente und Vorurteile heute kaum mehr auseinander dividieren lassen. Das schafft auch diese libanesische Autorin nicht wirklich. Abschließend schreibt sie: “Am Ende hoffe ich, dass meine Kritik nicht als Verneinung der Legitimität des palästinensischen Kampfes missverstanden wird. Ich behalte mir aber das Recht vor, auf der Basis meiner Religion darüber nachzudenken, in welcher Weise Gott von mir verlangt, mit Ungerechtigkeit und Elend umzugehen. Als jemand, der sich Gottes Willen fügt (nichts anderes bedeutet ‘Muslim’ auf Arabisch), sollte ich weder bloße Volkslegenden und Traditionen über den Islam wiederholen, noch unkritisch selbstdienliche Interpretationen von Gottes Wort akzeptieren. Würde ich das tun, würde ich mich meiner grundlegenden Pflicht und Verantwortung als Gottgläubige entziehen, das heißt, mich anzustrengen, das Wort und den Willen Gottes wirklich zu verstehen.”
In ihrem Artikel fordert Amina Manasseh bei der Lösung von Konflikten jene Gerechtigkeit, die auch Wolfgang Schmidbauer als wirksamstes Mittel gegen den Terrorismus bezeichnet hat. In ihrer Gesellschaft wird man ihr vielleicht die Kompetenz zur Interpretation des MärtyrerInnentums absprechen. Doch ihr geht es letztlich darum, Gewaltakte, bei denen wahllos Unschuldige mit in den Tod gerissen werden, zu verurteilen und theologisch von einem Verteidigungskampf abzugrenzen. Aber auch zur Verteidigung bezeichnet sie gewaltfreie Mittel als sinnvoller.
Sie schreibe nicht, um “politisch korrekt” zu sein: “Leute wie ich mögen in den USA oder in Westeuropa politisch korrekt sein, aber in diesem Teil der Welt bin ich - eine in Beirut lebende, sunnitisch-muslimische Libanesin - in der Tat politisch sehr unkorrekt. Es ist mir eigentlich egal, ob ich irgendwo politisch korrekt bin, aber ich möchte mich sehr dafür anstrengen, vor Gott ?religiös korrekt’ zu sein. Wenn manche Traditionen oder Auslegungen mir etwas sagen, das eindeutig dem Koran widerspricht, weiß ich als Muslimin, dass der Koran die höchste Autorität für die Muslime ist.”

Bemühungen um Verständigung

Zu den gewichtigsten Stimmen unter den Muslimen, die Gewalt gegen Unbeteiligte verurteilen, gehört Sayed Muhammad Tantawi, der Groß-Scheich der Al-Azhar Universität in Kairo, einer der wichtigsten theologischen Lehrstätten des Islam. Nach einem brieflichen Gedankenaustausch mit dem ehemaligen CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer gab Tantawi eine grundlegende “Erklärung zur Menschlichkeit im Islam” heraus, die am 30. 11. 2002 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurde.
Neben zahlreichen Erklärungen und Bemühungen um Verständigung, die von in Europa lebenden Muslimen ausgingen, ist besonders das Schlussdokument der Europäischen Imame-Konferenz zu nennen, die auf Initiative des österreichischen Außenministeriums sowie des Vorsitzenden des Rates islamischer Gelehrter Bosniens, Dr. Mustafa Ceric, und des Präsidenten der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Prof. Anas Schakfeh, im Juni 2003 in Graz stattfand. Darin heißt es unter anderem:
“Die islamische Botschaft ist auf Mäßigung gebaut. Daraus resultiert die klare Absage an jegliche Form von Fanatismus und Extremismus, aber auch Fatalismus.- Die mittelalterliche Einteilung in eine Welt der Gegensätze von ‘Haus des Islam’ und ?Haus des Krieges’ ist abzulehnen. Sie hat weder eine Grundlage im Koran, noch in der prophetischen Überlieferung und ist als historisches, längst überholtes Phänomen von keinerlei heutiger Relevanz. - Menschenrechte sind ein zentraler Bestandteil des Islam. Die Würde des Menschen als eines von Gott aus der gleichen Substanz geschaffenen Wesens zu bewahren und aktiv für Menschenrechte einzutreten, ist ein selbstverständlicher Auftrag jedes Muslim und jeder Muslima.
Pluralismus gilt im Islam als von Gott gewollt. Der Umgang damit ist nicht nur im Wetteifern in guten Taten und im Dialog definiert und als Auftrag an die Muslime formuliert. Der Gedanke der Demokratie ist mit dem Prinzip der ‘Schura’, der gegenseitigen Beratung, im Koran verankert.”
Im Hinblick auf die heute in Westeuropa lebenden etwa 12 - 14 Millionen Muslime wird in der Grazer Erklärung klar gesagt: “Die Muslime müssen ihre Loyalität der Verfassung und dem Gesetz gegenüber auch in deren säkularer Struktur kundgeben. - Partizipation auf allen Gebieten ist so ein zutiefst islamischer Grundsatz, der das harmonische und von gegenseitiger Bereicherung getragene Zusammenleben in einer immer pluralistischeren Welt fördert.”
Angesichts solcher muslimischer Stimmen ist es bedauerlich, dass sich gerade die in den westlichen Demokratien lebenden Muslime nur allzu oft mit Unterstellungen konfrontiert sehen, die sie als aktuelle Kränkung empfinden müssen. Berechtigte Kritik ist Muslimen in jedem Falle zuzumuten - manche Bücher und Artikel der jüngsten Zeit lassen jedoch den Eindruck entstehen, dass ein Kulturkampf in vollem Gange ist, der bei manchen Muslimen eine “Jetzt-erst-recht”-Haltung bewirkt.
Speziell zum Thema “Frau im Islam” wurde von manchen AutorInnen eine Polarisierung betrieben, die einer sachlichen Diskussion nicht dienlich ist und die Integration eher behindert als fördert - gerade zu einer Zeit, in der muslimische Frauen sich in ihren Gesellschaften mit verstärktem Selbstbewusstsein durchsetzen und die Muslime Europas beginnen, aus islamischen Quellen demokratietheoretische Ansätze zu entwickeln. Gewiss sind dies zähe Prozesse, und positive Entwicklungen werden von den internationalen Medien kaum honoriert, daher in der Öffentlichkeit auch kaum wahrgenommen.
Für die in Europa lebenden Muslime ist es wichtig, aus mitgebrachten Traditionen und ihrer religiösen Praxis (auch der Kleidung) in Abstimmung mit den hiesigen gesellschaftlichen Bedingungen eine neue europäisch-muslimische Identität zu schaffen. Und hier schließt sich der Kreis zu Wolfgang Schmidbauers psychologischen Analysen, der es als entscheidend bezeichnet, wie unsere Gesellschaft mit ausländischen MitbürgerInnen umgeht. - Verständigung und friedliches Zusammenleben können nur funktionieren, wenn man zu gegenseitigem Respekt bereit ist, das gilt sowohl auf lokaler wie auf internationaler Ebene. Denn heute geht es vielmehr um das menschenwürdige Überleben der Menschheit als um die Frage der Überlegenheit einer bestimmten Zivilisation.


Anmerkungen:
1 Schmidbauer Wolfgang: Der Mensch als Bombe, Rowohlt-Verlag, 2003

:Kursiv: Der Artikel von Lise J. Abid ist in “Spinnrad. Forum für aktive Gewaltfreiheit”, Heft 3 + 4/2004 (hg. vom Internationaler Versöhnungsbund, österr. Zweig ) erschienen. Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis der Autorin.